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Bakterien und Antibiotika

Sturm im Darm

Das menschliche Mikrobiom ist ein hoch sensibles Ökosystem, das wichtige Aufgaben bei der Verdauung oder der Immunabwehr erfüllt. Vorausgesetzt, es ist in Balance. Eine Dysbiose, also ein Ungleichgewicht in der Darmbesiedelung, kann verschiedene Erkrankungen wie etwa Antibiotika-bedingte Darmentzündungen mit sich bringen.

Im menschlichen Darm herrscht reges Leben. Etwa zwei bis drei Milliarden Bakterien tummeln sich im Inneren. Mediziner bezeichnen das bakterielle Ökosystem als „Mikrobiom“. Allein im Darm-Mikrobiom wohnen mehr als 1.400 verschiedene Bakterienarten, von deren Zusammenspiel man bisher wenig wusste. Erst durch die mikrobielle Sequenzierung ist es möglich, einige Bakterienstämme zu enträtseln und zu benennen. Fest steht: Das Mikrobiom im Darm ist bei jedem Menschen anders zusammengesetzt und richtet sich unter anderem nach geographischer Herkunft, Ernährung oder Umwelt. So hat jeder Mensch eine Art mikrobiellen Fingerprint. Unser Mikrobiom hat sich in den letzten Dezennien deutlich verändert, ein wesentlicher Grund dafür ist die Anwendung von Antibiotika.

Auch die europäische probiotische Medizin geht mittlerweile davon aus, dass häufige Gaben von Antibiotika zu einem Ungleichgewicht im Darm-Mikrobiom führen können. Die Folgen: hartnäckige, mitunter sogar blutige Durchfälle aufgrund einer immer wiederkehrenden Clostridium difficile-Infektion. Antibiotika zerstören demnach nicht nur „böse“, sondern auch „gute“ Bakterien, die ihrerseits Stoffe produzieren, um nützlichen Bakterien das Überleben zu sichern. Dadurch ist es möglich, dass sich krankheitserregende Bakterien im Darm massenhaft vermehren und „Überhand“ nehmen.

Eine Grazer Forschergruppe hat den Mechanismus für die Krankheitsentstehung anhand des Bakteriums Klebsiella oxytoca erforscht. Bei gesunden Menschen ist das Bakterium harmlos, da es von anderen Darmbakterien in Schach gehalten wird. Liegt jedoch aufgrund einer unkontrollierten Antibiotikaeinnahme ein Ungleichgewicht im Mikrobiom vor, kann sich Klebsiella in Massen vermehren. Forscher haben den Grund dafür herausgefunden: bestimmte Stämme des Bakteriums Klebsiella oxytoca bilden den Giftstoff Tivallin. Im Darm zerstört diese Substanz die Zellen der Darmschleimhaut, die schützende Barriere funktioniert nicht mehr. Die Folge sind schwere Darmentzündungen, Durchfälle, die mitunter blutig verlaufen können.

Die Pipeline ist leer

Die Medizin ist dadurch vor neue Herausforderungen gestellt, denn gerade im Bereich der im Darm lebenden Enterokokken, die schwere Infektionen verursachen können, ist die Antibiotikaentwicklung an ihre Grenzen gelangt. Die Zunahme an Resistenzen erschwert die Therapie dieser Infektionen. Die probiotische Medizin geht nun davon aus, dass die Schutzfunktion des Körpers nur dann funktioniert, wenn „gute“ Keime in der Übermacht sind. Gesunde Keime setzen gefährliche Entzündungserreger außer Kraft, die schwere Infektionen verursachen können. Mittlerweile liegen ausgezeichnete Untersuchungen vor, die zeigen, dass Erreger mithilfe einer gesunden Darmflora bekämpft werden.

Probiotika können wesentlich zur Prävention und Therapie von Erkrankungen beitragen und haben damit eine große Bedeutung für die Zukunft der Medizin, so verschiedene Studien, die die Wirkung von Prä- und Probiotika zur Stabilisierung des Mikrobioms untersucht haben. Demnach sollen verschiedene Probiotika entzündungshemmend und schleimhautstabilisierend wirken. So etwa hat das Bakterium „Faecalibacterium prausnitzii“ einen schleimhautstabilisierenden Effekt. Das Bakterium produziert nämlich Buttersäure, diese wirkt antientzündlich und kann die Darmbarriere aufrecht erhalten.

Um die Ausgewogenenheit von „guten“ und „bösen“ Bakterien im Darm zu erhalten, raten Mediziner daher einerseits zu einer bewussten Ernährung mit „guten“ Mikroorganismen, die prä- und probiotisch wirken. Andererseits wird ein bedachter Einsatz von Antibiotika empfohlen. Vor allem bei Kindern unter 4 Jahren ist das Darm-Mikrobiom noch im Aufbau und kann durch vorschnelle Antibiotikagaben aus dem Gleichgewicht gebracht werden.

Text:

Mag. Dr. Doris Simhofer

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